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Zum Beispiel Liebe – Wozu ist Kirche da?

„… denn Euch ist heute der Heiland geboren,“ ruft der Engel den Hirten am Heiligen Abend zu. Draußen, vor der Stadt Bethlehem. Bei denen, die nicht dazu gehören. Christus „entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an“, fasst der Apostel Paulus die Geburt Jesu zusammen. Es ist unserer Kirche ins Stammbuch geschrieben: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ So bringt es Dietrich Bonhoeffer auf den Punkt.

Er fährt noch radikaler fort: „Um einen Anfang zu machen, muss sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, eventuell einen weltlichen Beruf ausüben. Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muss den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt, „für andere da zu sein“.

Geht das? Gelingt uns das? Wollen wir das?

Bonhoeffer schreibt aus dem Gefängnis in Tegel. Die Nazis hatten ihn verhaftet. Wegen Hochverrat. Darauf stand die Todesstrafe. Da schrumpft das Leben zusammen auf das Wesentliche.

Von Spenden leben. Einen weltlichen Beruf ausüben. In der Euphorie meiner Jugend hätte ich mir das durchaus vorstellen können. In den Semesterferien habe ich oft als Postbote gejobbt. Pfarrer und Briefträger in einer Person, unterwegs in doppelter Mission – das wär’ doch was! Aber später? Als geschäftsführender Pfarrer einer Gemeinde mit 7000 Mitgliedern? Mit einer Arbeitszeit von weit mehr als 40 Stunden? Als Vorgesetzter, Ehemann und Vater?

„Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 40 Kommunist ist, keinen Verstand.“ Hat Winston Churchill einmal gesagt. Der Stachel bleibt: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“

Und wenn es um die Liebe geht?

Ende Juni hat der Bundestag die „Ehe für alle“ beschlossen. Seit Oktober können Schwule und Lesben ganz „normal“ heiraten. Sich nicht nur „verpartnern“, sondern auf dem Standesamt, wie alle andern auch, den Bund fürs Leben schließen.

Und wir als Kirche? Zögern und zaudern dieser Entwicklung hinterher: „Können homosexuelle Paare kirchlich heiraten?“ Die Antwort auf der Website unserer 

Landes­kirche zitiert eine Erklärung der Landessynode aus dem Jahr 1993: „In unserer Kirche ist die Einsicht gewachsen, dass mit der Ausgrenzung homophiler Menschen ein Irrweg beschritten worden ist, der dem Evangelium widerspricht.“

Immerhin: Die Einsicht wächst. Trotzdem ändert sich vorerst – nichts: „Eine kirch­liche Trauung homosexueller Paare ist im Augenblick … nicht möglich, weil ein innerkirchlicher Konsens in dieser Frage bislang noch nicht hergestellt werden konnte.“ Bis zu einem gewissen Grad kann ich das nachvollziehen: Der Konsens, die Einheit der Kirche, ist ein hohes Gut. Nur: Auf wessen Kosten wird ein solcher Konsens bewahrt?

Zumindest eine „segnende Begleitung homophiler Menschen“ ist „im seelsorgerlichen Rahmen“ möglich. „Wie eine solche Segenshandlung gestaltet werden kann, sollte mit dem Pfarrer/der Pfarrerin vor Ort besprochen werden.“ Schwierig wird’s 

bei der Konkretion: Dürfen die Glocken läuten? Muss ein solcher Gottesdienst erst noch vom Kirchenvorstand „abgesegnet“ werden?

Natürlich kenne ich Bibelstellen, die Homosexualität verdammen. Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch: Es geht darin nie um die Liebe zweier Menschen. Es geht um fremde Kulte, um Abgrenzung, um fragwürdige Gewohnheiten, um den Missbrauch von Macht: Es war vermutlich alles andere als ein Spaß, einem römischen Bürger als Lustknabe zu Willen zu sein.

Aber wenn zwei Menschen sich lieben und füreinander da sein wollen? Freude und Leid miteinander teilen. In guten wie in schlechten Zeiten. Zusammenleben, turteln, lachen, weinen, streiten. Verantwortung übernehmen wollen für Kinder, die ohne Eltern sind.

Als ich mich seinerzeit dazu entschlossen habe, Pfarrer zu werden, war das mein Ideal: Kirche und Gemeinden als Vorreiter der Gesellschaft. Vor allem, wenn es um 

die Liebe geht. Für andere da sein.

Jesus hat sich das getraut. Sein Verhalten imponiert mir. Und wir? Hinken in der Praxis unserer eigenen Erkenntnis mühsam hinterher.

 

[Hans-Martin Köbler]

 

Lese-Tipp: „Wie wir begehren“ von Carolin Emcke (Preisträgerin des Friedens­preises des Deutschen Buchhandels 2016)

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